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Meilenstein in der Risikoerkennung
Von Markus Hostmann
Das Geo-Informations-System MobiGIS der Mobiliar ist das erste System der Schweiz, das die kantonalen Gefahrenkarten zentral zusammenfasst und mit Versicherungsdaten verbindet. Je Gebiet oder Naturereignis wird sofort klar, wo Menschen in gefährdeten Gebieten leben, welche Risiken bestehen und welche volkswirtschaftlichen Werte gefährdet sind.
Ein Drittel aller Versicherungsschäden wird heute durch wetterbedingte Naturkatastrophen ausgelöst, Tendenz steigend. Das UNO-Umweltprogramm UNEP sagt voraus, dass die Häufigkeit von Naturkatastrophen jährlich um fünf Prozent zunehmen wird. Jahrhunderthochwasser werden zu Jahrzehntereignissen, Jahrzehntereignisse zu jährlichen Ereignissen. Auch die Mobiliar stellt sich auf diese Veränderungen ein. „Als Nummer eins bei der Sachversicherung müssen wir auch die beste Strategie im Umgang mit Naturgefahren haben", sagt Bruno Spicher, Leiter Groß- und Spezialgeschäft bei der Mobiliar und Mitentwickler von MobiGIS.

Die Gewalt eines kleinen Baches: Die Langete in Eriswil(BE)nach dem Hochwasser im Juni 2007 (© Marcel Bieri)

Die Schäden waren keine Überraschung. Die Gefahrenkarte zeigt entlang der Langete die höchste Gefährdung, rot. (© Karte: Reproduziert mit Bewilliging von swisstopo (BM100031); Gefahrenpotential des Kt. Bern, Amt für Wald)
Jetzt kommt ein neuer Stein in dieser Strategie dazu. Mit dem Geo-Informations-System MobiGIS verbessert sich die Mobiliar auf einen Schlag auf verschiedenen Ebenen: Risiken lassen sich einfacher erkennen, die Prävention wird verbessert und Schäden werden gezielter bearbeitet. Neu an MobiGIS sind nicht die Informationen, sondern deren Verbindungen miteinander: Auf einen Blick wird klar, welche Kunden in gefährdeten Gebieten leben und wie groß das Schadenpotenzial ist. Ein Jahrhunderthochwasser in Locarno? Mit wenigen Klicks wird ersichtlich, welche Kunden gefährdet und wie sie versichert sind. Und für die Gemeinde kann mittels Hochrechnung aufgezeigt werden, mit welchem Schadenausmaß sie rechnen muss.
Flächendeckende Gefahrenkarten
MobiGIS ist das erste System, das die kantonalen Gefahrenkarten zusammenfasst. Nicht einmal der Bund hat bislang ein solches Tool, das föderalistische System in der Schweiz dürfte der Grund dafür sein. Bis MobiGIS vor wenigen Monaten starten konnte, musste denn auch viel Arbeit geleistet werden: In allen 26 Kantonen mussten wir anklopfen – oft mehrmals, weil die Herausgabe der Gefahrenkarten manchmal auch eine politische Frage ist. Heute sind im MobiGIS rund 40 Prozent der Schweiz mit Gefahrenkarten abgedeckt, bis 2012 sollen es nahezu 100 Prozent sein. Dass noch nicht alle Karten im MobiGIS integriert sind, liegt an den Gemeinden und Kantonen: Noch immer bestehen nicht für alle Gebiete Gefahrenkarten. MobiGIS basiert auf der ArcGIS-Technologie und besteht aus einer Web-Anwendung und einem Desktop-GIS für Spezialauswertungen. Das System wurde in Zusammenarbeit mit GEOCOM Informatik AG und geo7 erarbeitet – beide Firmen verfügen über ein großes GIS-Know-how, von dem die Mobiliar sehr profitieren konnte.
Voraussehbare Schäden vermeiden
„Das Hauptziel von MobiGIS ist die Prävention und damit die langfristige Versicherbarkeit der Risiken, eine wichtige Voraussetzung für die Solidarität unter den Versicherten", sagt Bruno Spicher. Wenn Schäden nicht mehr zufällig passieren und voraussehbar sind – wie beispielsweise in der Berner Matte – widerspricht dies dem Versicherungsprinzip. Als Versicherer haben wir drei Möglichkeiten, mit solchen Risiken umzugehen: 1. Wir erhöhen die Prämien in den gefährdeten Gebieten massiv. – Dies ist keine Lösung, denn für manche Bewohner oder Firmen würde der Versicherungsschutz unbezahlbar. 2. Wir ziehen uns zurück und versichern keine Kunden mehr in gefährdeten Gebieten. – Gerade für Unternehmen wäre dies in der Regel das Aus. Daran haben wir kein Interesse. 3. Die Risiken werden durch Präventionsmaßnahmen reduziert. So werden sie langfristig versicherbar. Dies ist unser Ansatz und auch die Kernaufgabe einer Versicherung: die Übernahme von Restrisiken. Gleichzeitig ist es auch volkswirtschaftlich sinnvoll, voraussehbare Schäden zu verhindern oder zu vermindern. MobiGIS soll Transparenz schaffen, damit wir die nötigen Präventionsmaßnahmen definieren und umsetzen können.
Hilfe für Großkunden
Im Groß- und Spezialgeschäft dient MobiGIS der individuellen Risikobeurteilung. Liegt der Betrieb eines unserer Großkunden in einem stark gefährdeten Gebiet, sprechen wir mit diesem über Objektschutz. Denn oft können mit kleinen baulichen Maßnahmen große Werte geschützt und eine vorläufige Schließung eines Geschäfts oder einer Filiale verhindert werden. Das Ziel ist denn auch, mit geeigneten Maßnahmen die Gefährdung zu vermindern. Dies dient sowohl dem Kunden als auch der Mobiliar. Für das Breitengeschäft, Privatkunden also, wird MobiGIS primär zur Erkennung von besonders gefährdeten Gebieten eingesetzt. Dabei steht weniger der Schutz von einzelnen Häusern, sondern die Breitenwirkung im Vordergrund. In solchen Gegenden versucht die Mobiliar, regionale Präventionsmaßnahmen anzustoßen (z. B. Hochwasserschutz). Bei schweren Unwettern können die betroffenen Gebiete rasch identifiziert werden. Wir wissen dank MobiGIS sofort, wie viele Kunden betroffen sind, können die Schadenteams zusammenstellen und unsere Kunden sofort kontaktieren. Die angezeigten Versicherungssummen erlauben zudem eine schnelle Einschätzung der Schadenhöhe. MobiGIS ist gleichzeitig ein Qualitätstest für Gefahrenkarten: So kann nach einem Schadenereignis überprüft werden, ob die Schäden tatsächlich in den gefährdeten Zonen eingetreten sind.
MobiGIS ist ein internes Tool der Mobiliar, welches sie aber nicht nur für ihr eigenes Geschäft einsetzt. Auf Anfrage macht sie auch Spezialauswertungen für Dritte, etwa für Bund, Kantone und Gemeinden oder große nationale Unternehmen.
Der Autor Markus Hostmann, Dr. sc. ETH Zürich, ist Projektleiter von MobiGIS und hat das Tool mitentwickelt. Er arbeitet als Risk-Management-Berater bei der Protekta Risiko-Beratungs-AG, einer Tochtergesellschaft der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft.
Diese Informationen verknüpft MobiGIS miteinander:
- Geodaten: Landkarten und Luftbilder der ganzen Schweiz
- Naturgefahrendaten: Hochwasser, Lawinen, Steinschlag, Erdrutsch, Hagel, Erdbeben
- Volkswirtschaftliche Daten: Wohnbevölkerung, Anzahl Haushalte, Gebäude
- Versicherungsdaten der Mobiliar
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